11.10.2021

Klimaplatz als urbanes Entrée

Ein spezifisches Schwammstadtkonzept für den Bahnhofplatz Karlsruhe Süd

Der Klimawandel wird unsere Städte zum Kochen bringen. Für Karlsruhe wird im Klimadoppel der Tagesschau im Jahr 2080 bei einem gemäßigten Temperaturanstieg von unter 2 Grad Celsius von einem Stadtklima vergleichbar mit dem des heutigen Nukualofa im Königreich Tonga ausgegangen. Doch der Klimawandel bedeutet zugleich eine radikale Entwertung des heutigen Expertenwissens, sind sich Toralf Staud und Nick Reimer, die Autoren des Bestseller-Sachbuchs „Deutschland 2050“ sicher: tausende unserer Regeln im Ingenieurwesen sind geschrieben für die Temperaturen, Stürme und Niederschläge der Vergangenheit. Lösungsansätze, in gemäßigten Breitengraden ungekannten Wetterextremen auch gestalterisch funktional entgegenzuwirken, sind deshalb dringend notwendig. Verschnitten mit der global kultivierten stadtplanerischen Überzeugung, als nachhaltigste menschliche Lebensform die fortschreitende Verstädterung zu propagieren, stehen wir Planer*innen vor einer Herausforderung eventuell noch nie da gewesenen Ausmaßes und zeitlicher Dringlichkeit.

Form follows Climate

Städtebauliche Planungen müssen deshalb bereits in ihrer Konzeption im Sinne einer möglichst hohen Resilienz den Versuch unternehmen, neue Stadtbausteine, unabhängig von der Maßstabsebene, von vornherein spezifisch auf die lokalen klimatischen Gegebenheiten hin auszurichten. Damit besteht die Chance, wichtige Prinzipien wie das der Schwammstadt oder der Frischluftschneisen für Kühleffekte im globalen Stadtplaner*innen-Werkzeugkasten weiter zu verankern. Der klimasensitive Städtebau muss deswegen unmittelbar zum Experimentier- und Forschungsfeld der Gegenwart werden. Jan Gehls „Stadt aus der Fußgängerperspektive“ als Vorbild der künftigen Europäischen Stadt sollten wir im Sinne einer Zukunftsfähigkeit um den Parameter der Klima-Sensibilität erweitern. Nur so können wir gemeinsam in einen gedanklich neuen Formgebungsprozess einsteigen.

Klimaplatz als urbane Visitenkarte

Unser mit dem ersten Preis zur Umsetzung empfohlener Wettbewerbsbeitrag aus dem Jahr 2019 sah vor, den Bahnhofplatz als grünes, repräsentatives Entrée zum jungen Quartier in Form eines Klimaplatzes auszubilden: die Formfindung ergab sich dabei aus der Simulation des zu erwartenden Mikroklimas, ohne verbessernde Maßnahmen, verschnitten mit den simulierten Bewegungsabläufen zwischen Portal und Kiss+Ride- sowie Taxi-Stellplätzen und dem benachbartem Fernbusterminal, sowie der Bewegungen zwischen den beiden neuen Bürogebäuden. So flankieren zwei gemischte Baumhaine das Südportal des Bahnhofs, das zudem mit einem begrünten Paravent inklusive begehbarer Aussichtsterrasse eine Adresse bekommen sollte, der in der baulichen Umsetzung jedoch zurückgestellt wurde. Die Baumhaine bieten Aufenthalts- sowie ergänzend zum Fahrrad-Parkhaus oberirdische Abstellmöglichkeiten. Lichthalme ragen aus den Baumkronen heraus und unterstreichen bei Tag und Nacht die atmosphärisch-repräsentativen Eigenständigkeit des Platzes. Als Belagssystem wurde ein "atmender" Plattenbelag in quer zur Hauptbewegungsrichtung verlaufendem Reihenverband mit gestalterisch integrierten, durchgrünten Baumstandorten vorgeschlagen. Ein dynamisches Wasserfeld folgt zudem an Schönwettertagen dem Sonnenverlauf bzw. dessen Spiegelung auf dem Bodenbelag über den Hitze-exponierten Umsteigebereich im südlichen Platzteil.

Ein spezifisch adaptiertes Schwammstad-Modell

Trotz Teilunterbauung durch eine Tiefgarage sollen sämtliche Oberflächenwasser der Aufenthaltsbereiche nach Niederschlagsereignissen gesammelt und zeitversetzt dem Mikroklima wieder zugeführt werden. Die Baumquartiere werden dabei, angelehnt an das klassische Schwammstadt-Prinzip, mit einer eigens für den urbanen Charakter des Karlsruher Standorts entwickelten Lösung ausgeführt. Prof. Stephan Schmidt, Schwammstadt-Forscher und -lehrender der ersten Stunde an der HBLFA Wien-Schönbrunn stand hier beratend zur Seite. Folgende Prinzipien zeichnen das Karlsruher Modell als individuelle wie außergewöhnliche Schwammstadtlösung für den südlichen Bahnhofpatz aus: Basis für die urbane Wasserwiederverwendung ohne vorherige Aufbereitung ist eine Zonierung in offenporige Aufenthaltsbereiche ohne Salzeintrag und urbane Bewegungszonen mit potentieller Salzstreuung. Diese Funktionsteilung ist in der Oberflächenausprägung über eine durchgrünte Rasenfuge und die Positionierung der Ausstattungselemente ablesbar. Sie spiegelt sich zudem in einer bewussten, feinen topographischen Modellierung wider, mit deren Hilfe Niederschläge von knapp einem Viertel der 4.000 Quadratmeter Platzfläche den Schwammstadtkörper unter den Baumstandorten direkt zugeführt und zeitversetzt im Mirkoklima-Kreislauf wiederverdunstet werden können. Das anfallende Niederschlagswasser wird dabei über den offenporigen, mit Rasenfugen durchzogenen Platzbelag der Aufenthaltsflächen und über technische Einlaufpunkte einer Verteilungsschicht, bestehend aus einem Netz aus Teilsickerrohren, zugeführt. So kann eine ungewöhnlich gleichmäßige und langfristige Versorgung des großräumigen Substratkörpers sichergestellt werden. In Trockenperioden wird das Rohrsystem zusätzlich über eine automatische Bewässerung geflutet, ein Monitoring der Bodenfeuchte gerade im überbauten Wurzelraum ist durch integrierte Bodenfeuchte-Sensoren ermöglicht. Ein an den Kanal angeschlossenes Notüberlauf-System bildet die geforderte Redundanz bei Extremwetterereignissen. Das Geflecht aus Teilsickerrohren optimiert zudem die Luftversorgung des Wurzelvolumens. Insgesamt 25 Bäume in unterschiedlichen Pflanzqualitäten bilden den Generationenhain der Aufenthaltsbereiche. Sie garantieren mit einer hohen Evaporations- und Verschattungsleistung sowie ihrer Funktion als Windbremse die klima-ökologische und, darauf aufbauend, einen wichtigen Teil der sozialen Funktionalität, indem sie über alle Jahreszeiten hinweg ein Wohlfühl-Klima ausbilden. Jedes Basis-Baumquartier ist mit einem auf die Anwuchsphase optimierten Substrat sowie einem ballennahen Bewässerungssystem ausgestattet. Der auf 1,5 Meter Mächtigkeit limitierte Bodenaufbau über der Tiefgarage wird durch ein zusammenhängende Baumquartier mit größtmöglicher Wasserspeicherfähigkeit und bis zu 1.200 Kubikmeter Wurzelraum aus verdichtungsstabilem Substrat mit Bodenanschluss beidseits der Tiefgaragen-Unterbauung in der Horizontalen kompensiert. So soll auch die langfristige Entwicklung des Vegetationsbildes auf dem urbanen Platz sichergestellt werden. Die öko-soziale Systemleistung des Klimaplatzes im Bahnhofvorfeld bleibt jedoch trotz planerischer Bemühungen um optimierte Voraussetzungen ein sensibles Gefüge, dessen Erfolg in der Umsetzung von weiteren entscheidenden Parametern, beispielsweise zu realisierenden Mindestpflanzgrößen sowie den Ausführungsqualitäten der neuartigen Baumquartiere und letztlich der Entwicklungs- und Unterhaltspflege des neuen Karlsruher Experimentierfeldes abhängig ist.

Act Now!

Mit diesem Versuch in Richtung einer erhöhten Wasserneutralität gepaart mit einer atmosphärischen Ebene der Klima-Erfahrbarkeit repräsentativer Innenstadt-Räume geht Karlsruhe einen neuen Weg, aus dessen Erfahrungen nach der Umsetzung im kommenden Jahr hoffentlich auch ein rascher Wissensgewinn im Sinne einer lernenden Stadt- und Freianlagenplanung resultiert. So könnten sich künftig bestenfalls mit Hilfe wassersensibler Stadtbausteine nicht nur die Auswirkungen von Starkregenereignissen reduzieren, sondern auch die Lebensqualitäten in sich erhitzenden Städten durch ein verbessertes Mikroklima maßgeblich heben lassen. Und diese entscheidende Synergie sollte künftig jeder Stadtentwicklung zugrunde liegen.

Zahlen & Fakten

Ort: Karlsruhe

Land: Deutschland

Zeitraum: 2019

VerfasserIn: bauchplan ).(


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WHY?

Fridays for Future hat das Zeitalter der Vielfachkrisen proklamiert. Die resultierenden Unsicherheiten greifen mittlerweile tief in unser gesellschaftliches Handeln ein. Passiert deshalb so wenig? Wo bleiben lösungsorientierte Innovationen? Müssen erst Gerichte althergebrachte Herangehensweisen... Mehr